Ratschlag II am 14.2.2020

Die Mobilitätswende als Chance, die sozialräumliche Spaltung der Stadt zu überwinden

Auch zu den besten Zeiten der Stadt ist es in Dortmund nie gelungen, die soziale Spaltung zwischen Arbeiter*innenvorstadt im Norden und bürgerlicher Stadt mit Stadtzentrum und den südlich der Bahntrasse der historischen Köln-Mindener-Eisenbahn gelegenen Stadtteilen auch nur zu mildern. Die massive räumliche Barriere hat alle Zeitläufte bislang überdauert und immer wieder zu sozialer Verfestigung und räumlicher Einhegung von Armut und potentiellem Aufruhr beigetragen – „hinter dem Bahndamm liegen die slums“.

Die Stadtplanung sortierte die Flächennutzungen getreu diesem Muster. Zuletzt verlegte man den rasant anwachsenden Störfaktor ZOB (Zentraler Omnibus Bahnhof) auf die Nordseite des Hauptbahnhofs und versuchte, die negativen Folgen für Klima, Umwelt, Gesundheit und sozial lebenswerte Urbanität mithilfe von nie eingelösten ‚Attraktionen‘ auf dem Papier zu vertuschen. Zuletzt mit dem Projekt „emissionsfreie Innenstadt“ unter Auslassung des HBF und der angrenzenden Nordstadt – hier soll die Verschmutzung bleiben! Das zu erreichen half die vielfach geübte autoritäre ‚Beteiligung‘ der Bürger*innen von oben.

Neue Impulse für einen grundlegenden Wechsel in der Gestaltung städtischer Zukünfte können lokale Bürger*inneninitiativen wie „Garten statt ZOB“ in dem erschreckenden Stillstand politscher Fantasielosigkeit setzen. Die Initiative wurde mit der Verlagerung des ZOB in den Norden gegründet undkritisiert seitdem die prozessualen Defizite und dementsprechenden Ergebnisse.

Der Status Quo verweist auf die lange verschleppten Probleme und neue Chancen:

Für Fußgehende ist der Bahnkörper am HBF relativ ‘offen‘ zwischen Nordstadt und City – es gibt zwei Durchgänge, beide allerdings in technisch, funktional und gestalterisch miserablem Zustand, unübersichtlich, eng, künstlich belichtet, schlechte Luft, nicht wirklich barrierefrei und im Konflikt mit Fern-Reisenden und ÖPNV-Nutzenden. Die vorhandenen Tunnel werden derzeit erneuert – Besserungen werden versprochen und in begrenztem Umfang durchgeführt. Der Charakter einer unangenehmen Barriere zwischen City und Nordstadt wird erhalten bleiben.

Für Rad-(und Roller-)fahrende ist der Bahnkörper am HBF ‘geschlossen‘ zwischen Nordstadt und City – die beiden Fußgeh-Tunnel dürfen sie nicht benutzen und die außerdem noch vorhandenen ehemaligen ‘Post‘- und Gepäcktunnel öffnet die DB nicht (es werden Sicherheitsbedenken geltend gemacht). Für das Rad oderden Roller als zukünftig städtisch bedeutende Verkehrsmittel ist der Bahnkörper eine undurchdringlicheMauer, mehrere Hundert Meter lang zwischen den hoch schadstoffbelasteten Straßenunterführungen weit im Westen (Brinkhofftor) und weit im Osten (Burgtor).

Die vorhandene Benachteiligung der beiden zukünftig wichtigsten Gruppen im Verkehr in der Stadt und ihrer hier erklärtermaßen zentralen Bewegungsrichtung – Nord-ÖPV-Süd (Nordstadt-HBF-City) – wurde in den städtischen Planungen stets vernachlässigt zugunsten einer möglichst autogerechten Stadt und dem Aufrechterhalten der Trennung zwischen Arbeiter*innen-(heute Arbeitslosen-)Stadt im Norden und Verwaltungs-, Konsum- und Kultur-Anspruch der City südlich dieser ‘Grenze‘. Die aktuelle Stadtplanung setzt dies fort und blockiert dabei drängende verkehrs-, umwelt- und sozialpolitische Aufgaben.

Mit der geplanten weiteren Versiegelung großer Flächenanteile zugunsten der bevorteilten motorisiertenVerkehrsströme und zugunsten einer massiven Verdichtung der Bebauung mit hohen Renditeerwartungen wird jede klimapolitisch notwendige Durchgrünung nicht nur kurzfristig sondern auf Dauer verunmöglicht.

Fast systematisch scheint technokratisch organisierte Stadtentwicklung unter den gegebenen Prämissen Urbanität in ihrer lebenswerten Dimension auszuschließen – jedenfalls an jeder sozialen Grenze. Es wird aber überlebenswichtig sein, angesichts der existent gewordenen Klima- und sozialen gesellschaftlichenKatastrophen neue Prämissen zu denken, zu entfalten und festzulegen.

Mit einem Ratschlag und Entwurfsworkshop soll der gesetzte Diskurs des „Weiter so“ etablierter, aber längst veralteter Kommunalpolitik, von uns als Anwohner*innen der Nordstadt und weiteren Nutzer*innen radikal in Frage gestellt und herausgefordert werden.

Mit unseren strategischen Zugriffen ist beabsichtigt:

• Das klimaschützende Potenzial der Fläche zu bewahren und nachhaltig zu entwickeln;

• die gesellschaftpolitische Frage sozialer und räumlicher Spaltung in der Stadt exemplarisch aus der Perspektive von Bewohner*innen und in ihrer alltäglichen Erfahrung zu problematisieren und praktisch anzugehen und einen Ort urbanen Lebens zu schaffen;

• den nördlichen Bahnhofsvorplatz als zentrales Bindeglied auf dem Weg in das Stadtzentrum mithilfe des Konzepts „Shared Space“ grundsätzlich neu zu gestalten und mit Bewohner*innen die Regel „gegenseitiger Rücksichtnahme“ aller als soziale Praxis der Bewegung versus tradierte Vorstellungen von Privilegierungen zu erproben;

• in direkter Verbindung eine Querung der Barriere des Bahndamms für Rad- und Rollerfahrer*innen und für Fußgänger*innen zu ermöglichen. Hierfür kämen der stillgelegte Posttunnel und der ehemalige Gepäcktunnel der Bahn oder eine weitgehende Entkernung des Bahnkörpers als großer lichter Halle zur Unterquerung des Gleiskörpers als auch eine Brückenlösung über den Gleiskörper oder sogar beides in Frage, um eine möglichst hohe Durchlässigkeit zu erreichen. Eine Brücke böte zudem die Möglichkeit, ein ikonografisches, ästhetisch die “Verkehrswende“ symbolisierendes Bauwerk im Herzen der Stadt zu schaffen.

Ratschlag und Entwurfs-Workshop

Dortmund, 15. Februar 2020, 11 Uhr – 17 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus

Begegnungsräume – Shared Space – gemeinsamer Bewegungsraum?

  • 10:30 Uhr Eröffnung 11:00 Uhr Vortrag zu Aufenthalts- und Bewegungsformen in der Stadt (Meike Spitzner, Köln) Wuppertal-Institut
  • 12:00 Uhr Diskussion
  • 13:00 Uhr Pause
  • 13:30 Uhr Workshop zum Entwerfen für das Planungsgebiet (Davide Brocchi, Köln) Menschen prägen Räume und Räume prägen Menschen: Wenn hinter dem Bahndamm eine neue Welt entsteht … Shared Space – Keine Bordsteine, keine Fahrbahnen, keine Parkplätze und keine Zufahrt in Tief- oder Hochgaragen, keine Ampeln und Verkehrsschilder oder sonstigen Privilegierungen Kein Zentraler Fernbusbahnhof (ZOB), aber an drei Seiten Haltepunkte für Stadtbusverkehr (W, N, O); Intensive Grün- und Baumzonen, Gärten, Sitz-, Lager- und Spielgelegenheiten. Den Workshop begleitend „graphic recording“ (Jonas Heidebrecht, Essen)
  • 16:30 Uhr Zusammenfassung und Präsentation der Ergebnisse (mit der Künstlerin Sandra Linde) Anmerkungen der Teilnehmer*innen
  • 17:00 Uhr Abschluss

Zum neuesten Stand der Planungen für den ZOB

von Wolfgang Richter

Der Ratsbeschluss vom 13. 12. (Drucksache Nr.: 12588-18) zur Neugestaltung der Nordseite des HBF zeigt in der Anlage zu seiner Begründung den einmal überarbeiteten Entwurf der siegreichen Planungsgruppe und erläutert, dass der weiterhin überarbeitet werden muss. Bis hierhin gab es drei Entwurfsschritte:

  1. Der erste Entwurf war der Wettbewerbsbeitrag: Er basierte noch auf den kategorischen Vorgaben der Ausschreibung, die den Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) im Zentrum der Gesamtanlage verlangte, massiv vergrößert und hochgelegt auf Gleisniveau und erschlossen über Rampen im Westen und Osten. Zur Erinnerung: Als das Fußballmuseum nach Dortmund kam, war der ZOB hier nur vorübergehend geplant und vorläufig realisiert worden, um dem Protest von Bürger/innen, Expert/innen und Planer/innen zu begegnen. Mit dem städtebaulichen Wettbewerb sollte ein endgültiger Standort gefunden werden, aber alles sollte beim falschen Ansatz bleiben – der ZOB im Zentrum. Fazit: Hochgelegen am gleichen Ort ist kein anderer Standort.
  2. Der zweite Entwurf war die 1. Überarbeitung: Weiterhin ist der ZOB im Zentrum der Gesamtanlage, jedoch nur noch einseitig erschlossen – Zu- und Abfahrt der Fernbusse erfolgen von und nach Westen über die Schützenstraße und werden nicht mehr (oder nur noch halb) hochgelegt. Zwecks Einsparen von Flächen soll der ZOB ‚bergmännisch‘ unter den Gleiskörper und die Restgrünflächen getrieben werden und so den HBF-Nord-Zugang erreichen. Im Kern der Anlage bleiben die schweren Belastungen und Verschmutzungen des Zentrums durch den ZOB. Die Belastungen durch Erschließung im Osten entfallen, die Belastungen durch Erschließung im Westen werden dramatisch erhöht. Technische, verkehrliche und rechtliche Voraussetzungen wie klimatische und soziale Kosten sind nicht ermittelt. Fazit: Auf halbem Weg stehen geblieben.
  3. Die nun geforderte 2. Überarbeitung soll zeigen, ob das so weiter geht oder ob alles auf Anfang gestellt und ein anderer Entwurf vorgezogen werden soll. Die Kenntnisnahmen in den Ausschüssen und der Beschluss im Rat und sind unter massivem Termindruck auf die Beratenden zustande gekommen. Die schmale Chance, hier und jetzt in das regellose Planungsgeschehen einzugreifen und den privaten ZOB aus dieser öffentlichen Anlage zwischen Nordstadt, HBF und City ganz herauszunehmen, wurde nicht ergriffen. Überlegungen zur Entwicklung der Verkehrssysteme, ihrer Sinnhaftigkeiten und ihrer Folgen für die Stadt und die hier lebenden und arbeitenden Menschen wurden nicht angestellt. Das derzeitige neue „Zwischenergebnis“ ist haltlos – es stützt sich weder auf sorgfältig ermittelte Planungsgrundlagen sowie sachgerechte Abwägungen und echte Beteiligung noch zeigen sich so Perspektiven. Allenthalben regen sich späte Zweifel. Fazit: Es ist Zeit sich ehrlich zu machen – Umdenken tut not!

Die Bürgerinitiative „Garten statt ZOB“ hat alternative Standorte skizziert (Link zum Flugblatt mit Alternativstandorten). Der Fernbusverkehr muss nicht durch die gesamte Stadt, zumal nicht durch die sowieso extrem belastete Nordstadt, gelenkt werden – er braucht einen guten Anschluss an das öffentliche Personenverkehrsnetz der Stadt und einen direkten Anschluss an das Fernstraßennetz. Nicht viel mehr, das aber benutzerfreundlich.

Wieder ein großer Wurf ?

Wieder ein ganz großer Wurf für Dortmund – man hat den Eindruck, dass die Stadt ganz groß zugeworfen wird, eine Blase nach der anderen, eine spektakulärer als die andere, das U, der Hafen, der Platz von Rostow, der Hauptbahnhof (wie viele Blasen sind da schon geplatzt?), seine Nordseite, überhaupt „nordwärts“. Die Bürgerinitiative „Garten statt ZOB“ hat seit der Förderung des Fernbusverkehrs und der Verlagerung des ZOB vor Jahren auf Gefährdungen und Chancen für diesen zentralen Platz und die über ihn erschlossene Nordstadt hingewiesen, vgl. auch die Debatte hier im Nordstadtblogger zu diesem Thema.

Heute jubeln Politik und Verwaltung, öffentliche und private Planung immer noch über das Zusammenführen aller Verkehrssysteme an diesem Ort. Der derzeitig vorgeführte Planungsstand hat etliche frühere Festlegungen, vor allem für die Erschließung, immerhin gestrichen, rechtmäßig? Damit wurde jedoch eine Forderung der Initiative endlich aufgegriffen – die seinerzeitig als unerlässlich für jede Planung herausgestellte Hochlegung des ZOB und seine Erschließung im Westen und Osten ist heute verschwunden. Ein Erfolg? Der ZOB ist geblieben, unter die Grünflächen auf der Gleisebene gedrückt, bau-, luft- und lärmtechnisch prekär, die Erschließung in der Brinkhoff- bzw. Schützen-Straße so ungeklärt wie die Verteilung in der Stadt, vor allem für die Nordstadt.

Zu einem Erfolg für die Stadtbenutzer*innen kann erst das vollständige Aufgeben des ZOB an diesem Platz werden. Die Initiative „Garten statt ZOB“ hat dies seit allem Anfang gefordert und hat Alternativen für einen nach derzeitigen Standards rationalen Standort vorgelegt. Unerhört. Erleben wir gerade einen ersten Schritt von Verwaltung und Politik dahin?

Zu den Vorlagen der Verwaltung Nr. 1

Städtebaulicher Wettbewerb Dortmund | Umfeld Hauptbahnhof Nord – Überarbeitung

Vorlage der Verwaltung Nr.2

Erklärung der Dringlichkeit der Beschlussvorlage



Gartengeburtstag am Samstag (13.10.) ab 14 Uhr

Liebe Freunde & Freundinnen der Idee „Garten statt ZOB“,

am Wochenende besteht das Mahnmal am Hauptbahnhof sieben Jahre. Es ist unklar, wie lange es noch gepflanzt bleiben mag. Politik und Verwaltung der Stadt hatten beruhigend gesagt, der Standort des ZOB werde hier nur vorübergehend sein. Nun soll er bleiben. Und Platz bieten für doppelt so viele Fernbusse als hier jetzt schon ankommen und abfahren! Und er soll hochgelegt werden auf die Gleisebene – die Busse müssen aufwärts und abwärts zusätzlich ‚gas geben‘! Ein Schildbürgerstreich erster Güte.

Die Initiative hat die aktuellen Planungen zum Anlass genommen, sie erneut zu analysieren und zu kritisieren. Vor allem die Standortfrage muss auf der Basis neuer Entwicklungen und Erkenntnisse neu beantwortet werden – Umweltgerechtigkeit und Gesundheitspolitik, Verkehrsproblematik und soziale Gerechtigkeit müssen Eingang in die Planung und die notwendigen Abwägungsprozesse finden. Wir haben dazu Vorschläge gemacht.

Der Geburtstag ist kein Anlass zu feiern. Aber ein Anlass, sich wieder einmal vor Ort zu treffen und Informationen und Gedanken auszutauschen. Und auch ein bisschen den schönen Wildwuchs im ‚Garten‘ zu bändigen.

Wir treffen uns am Samstag, den 13. Oktober 2018 um 14 Uhr

Chance vertan?

Das Dilemma gerechter Sozial-, Verkehrs- und Umweltpolitik

Die Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofs, das Tor zur Nordstadt ist hoch belastet mit Stickoxyden, Feinstäuben und Rußpartikeln und hat kaum noch Lebens- und Aufenthalts-qualitäten. Sie ist zum Umschlagplatz motorisierten Verkehrs und von Fernbussen mit Ankünften und Abfahrten im 5-Minuten-Takt verkommen. Sie ist ein Sinnbild für Dumping und Ausbeutung – Anlieferung von billiger Arbeitskraft, schadstoffreiche Mobilität und Logistik, hohe gesundheitliche Belastungen in einem entwerteten trostlosen Stadtraum.

Mit einem Planungswettbewerb hatte sich 2017/18 die Chance aufgetan, an dieser wichtigen Stelle die stadtpolitischen Kriterien des vorigen Jahrhunderts zu prüfen und neue Ideen zu entwickeln, die geeignet sind, den Konflikt zwischen Mobilitätsbedürfnissen der Stadtbewoh-ner*innen und ihrer sozialen Ansprüche einerseits und der Vergiftung von Luft und insgesamt der Umwelt andererseits zu lösen. Chance vertan?

In einer öffentlichen Beratung zwischen Nordstadtbewohner*innen, Fachleuten und lokaler Politik sollen Alternativen zur kommunalen Mobilitäts- und Klimapolitik eröffnet und für die Planungen am Ort im Interesse der hier lebenden Menschen nutzbar gemacht werden.

Uns treiben besonders Anliegen von Umweltgerechtigkeit und Wohnen als neuer sozialer Frage, die wenig sensible, an gestrigen Mobilitätsvorstellungen orientierte Verwaltungspraxis und deren meist beredt beschwiegenen gesundheitlichen Folgen an.

Einladung zum Ratschlag am 14. Juli 2018 um 14 Uhr (bis 18 Uhr)

in der Nordstadt im Dietrich-Keuning-Haus, Raum 226

  • Präsentation der Erkenntnisse aus mehreren Messwellen zu Luftschadstoffen im Bereich des Zentralen Omnibusbahnhof/nördlichen Bahnhofsvorplatz.
  • Impulse von Sozial-, Verkehrs- und Umwelt-Expert*innen im Podium mit Dr. Winfried Wolf (Publizist, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac), Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit, Bochum), Dipl. Ing. Wiebke Claussen (BI zum Envio-Skandal in Dortmund), und eine Vertretung der Stadtverwaltung (angefragt).
  • Diskussion von Zustand und Perspektiven im Plenum

Einladung Ratschlag 3

Öffentlicher Ratschlag am 14. Juli im Dietrich-Keuning-Haus

Aufruf zur Diskussion:

Chance vertan?

Das Dilemma gerechter Sozial-, Verkehrs- und Umweltpolitik

Die Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofs, das Tor zur Nordstadt ist hoch belastet mit Stickoxyden, Feinstäuben und Rußpartikeln und hat kaum noch Lebens- und Aufenthaltsqualitäten. Sie ist zum Umschlagplatz motorisierten Verkehrs und von Fernbussen mit Ankünften und Abfahrten im 5-Minuten-Takt verkommen. Sie ist ein Sinnbild für Dumping und Ausbeutung – Anlieferung von billiger Arbeitskraft, schadstoffreiche Mobilität und Logistik, hohe gesundheitliche Belastungen in einem entwerteten trostlosen Stadtraum.

Mit einem Planungswettbewerb hatte sich 2017/18 die Chance aufgetan, an dieser wichtigen Stelle die stadtpolitischen Kriterien des vorigen Jahrhunderts zu prüfen und neue Ideen zu entwickeln, die geeignet sind, den Konflikt zwischen Mobilitätsbedürfnissen der Stadtbewohner*innen und ihrer sozialen Ansprüche und der Vergiftung von Luft und insgesamt der Umwelt zu lösen. Chance vertan?

In einer öffentlichen Beratung zwischen Nordstadtbewohner*innen, Fachleuten und lokaler Politik sollen Alternativen zur kommunalen Mobilitäts- und Klimapolitik eröffnet und für die Planungen am Ort im Interesse der hier lebenden Menschen nutzbar gemacht werden.

Uns treiben besonders Anliegen von Umweltgerechtigkeit und Wohnen als neuer sozialer Frage, die wenig sensible, an gestrigen Mobilitätsvorstellungen orientierte Verwaltungspraxis und deren meist beredt beschwiegenen gesundheitlichen Folgen an.

Die öffentliche Beratung findet statt am 14.07.2018 um 14 Uhr (bis 18 Uhr) im Dietrich-Keuning-Haus, Raum 226

  • Präsentation der Erkenntnisse aus mehreren Messwellen zu Luftschadstoffen im Bereich des Zentralen Omnibusbahnhof/nördlichen Bahnhofsvorplatz.
  • Impulse von Sozial-, Verkehrs- und Umwelt-Expert*innen im Podium mit

Dr. Winfried Wolf (Publizist, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac),

Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit, Bochum),

Dipl. Ing. Wiebke Clausen (BI zum Envio-Skandal in Dortmund),

und eine Vertretung der Stadtverwaltung (angefragt).

  • Diskussion von Zustand und Perspektiven im Plenum

Auch Dortmund wird von der Deutschen Umwelthilfe verklagt – endlich!

Das Schmutzdorado Dortmund (hier sei nur an die Envio-Katastrophe vor 8 Jahren und den Ökoprofitpreis der Stadt erinnert) liebäugelte gerade noch mit dem Mini-Programm „emissionsfreie Innenstadt“ und 10,4 Mill. Euro Fördermitteln des Landes, um Alternativen zum Auto attraktiver zu gestalten.

Schon der Titel „emissionsfreie Innenstadt“ war Scharlatanerie – der Autoverkehr als Hauptverursacher sollte keinesfalls eingeschränkt werden, sondern die anderen Verkehrsteilnehmer/innen nur besser „voran kommen“. Die alles umwabernde „Dreckbrühe“ aus Stickoxiden, Feinstäuben und Rußpartikeln etc. bleibt die gleiche – Prost: Gesundheit! Diese Art alternative Fakten wird gerade auf den Prüfstand gestellt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Gerichte den betroffenen Bürger/innen mehr Gewicht verleihen. Ein Anfang ist gemacht. Vielleicht bequemt sich die Stadtverwaltung auch endlich, die ein dreiviertel Jahr zurückliegende Anfrage zu den Umweltbelastungen rund um den Zentralen Omnibusbahnhof und den weiteren Konsequenzen für die Planungen zum Nördlichen Bahnhofsvorplatz der Initiative „Garten statt ZOB“ zu beantworten? Dort soll doch u.a. ein Parkhaus für 500 Autos entstehen – Au weia! Pech gehabt, leider außerhalb des „emissionsfreien Programmgebiets“!

Anmerkungen zum Planungswettbewerb am Hbf. Nordseite

Die Ergebnisse des beschränkten Planungswettbewerbs für die Nordseite des Hbf. liegen vor. Die pflichtschuldige Begeisterung von Politik und Medien klingt zu Recht halbherzig – so wenig Ideen für viel Geld, so alte Antworten auf neue Probleme, so wenig Anbindung der Nordstadt an das Zentrum der Stadt. Eben war das Projekt noch dringlich – plötzlich hat es viel Zeit bis zu einer Realisierung: Erst muss nun der Hbf. selbst fertig sein – das kann dauern.
Die Schwäche der Wettbewerbsarbeiten gründet auf der Ausschreibung, die lediglich Wachstumsdenken einforderte – entsprechend lieferten die Planungsbüros auch nur gestriges „Weiter so!“

      1. 1. Die Festlegung der dringend notwendigen Frischluft- und Grünverbindung zwischen dem Norden und der City, zuletzt noch im Flächennutzungsplan 2004 festgehalten, wurde zugunsten von Angeboten für Investoren aufgegeben, noch verfügbare Flächen massiv zu bebauen und die klassischen Abgrenzungen der Innenstadt gegenüber den Bewohnern der „Arbeitervorstadt“ zu vervollständigen: Was die Kubatur der Agentur für Arbeit als Grenzziehung vorgemacht hatte, sollen nun weitere Bauten durch ihre Massen vollenden.

     

      1. 2. Der Flächenfraß privater Nutzungen im bisher öffentlichen Raum wird hier planerisch vorbereitet. Im Ergebnis wird dies die lebendige Nutzung des städtischen Raums für seine Bewohner/innen weiter einschränken. Nur wer kaufkräftig ist, soll sich hier aufhalten und shoppen – wer nur auf einer Bank sitzen möchte, um Sonne zu genießen und Freunde zu treffen, macht sich verdächtig. Privatisierung macht das Allgemeingut Freiraum abhängig von den Risiken privater Ausnutzung, von Deformierung und Zerstörung der Lebensräume. Dortmund hat genug Beispiele dafür.

     

      1. 3. Der private Auto- und Busverkehr steht vor einem dramatischen Kollaps und ist planerisch nicht mehr zu organisieren. Die bevorstehende Klimakatastrophe ist förmlich zu riechen, Fahrverbote sind in der Diskussion. Weder die hohe Feinstaub- und Stickoxidbelastung noch der Lärm waren Thema des Wettbewerbs. Der Planung wurde im Gegenteil die Aufgabe gestellt, die gesundheitliche und existentiell bedrohende Entwicklung der Busverkehre im ZOB und den angrenzenden Zu- und Abfahrtsstraßen noch massiv zu erhöhen.

     

      1. 4. Die Bezirksvertretung In-Nord hat sich mit den Ergebnissen der Zukunftspläne befasst und sie zur Kenntnis genommen. Kritisch merkt die lokale Politik vor allem an, dass die in den Planungen überhaupt noch vorgeschlagenen Rest-Grünräume vor Ort ordnungspolitisch schlecht seien. Sorge vor „nicht regelkonformen Nutzungen“ machte sich breit. Selten ist eine so verächtliche Diskriminierung der Menschen ‚hinter der Bahnlinie‘ ausgesprochen worden – sie reiht sich nahtlos ein in die Abfolge von hysterischen Lob- und Schmutzkampagnen, von Diffamierungen, Razzien usw.
      5. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass von Beginn an – also seit Ende des 19. Jahrhunderts – es noch nie gelungen ist, auch nicht nach den großen Zerstörungen des letzten Krieges, die Nordstadt zu einem ‚gut bürgerlichen Wohnquartier‘ zu machen. Die Nordstadt war immer das Zuhause der ‚einfachen Leute‘ und die brauchen das, was die Nordstadt bietet, z.B. kostengünstige Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomie sowie allen kostenlos zugängliche öffentliche (Grün-)Räume statt Bezahl-Parks, hippe Sushiläden, Edeldiskos oder Coffeeshops mit Kaffeespezialitäten für 5 Euro aufwärts.